Einmaleins üben mit System: Lücken finden und gezielt schließen

Das erwartet dich
Wenn dein Kind das Einmaleins schon oft geübt hat und es trotzdem nicht sitzt, liegt das fast nie an zu wenig Üben. Es liegt fast immer daran, was geübt wird und wie. Die meisten Familien üben das Ganze, immer wieder von vorne, obwohl ihr Kind den größten Teil längst kann und nur an einer Handvoll Aufgaben wirklich hängt. Genau da setzt dieser Artikel an: nicht bei noch mehr Wiederholung, sondern bei einer Übe-Routine, die die wenigen echten Lücken findet und gezielt schließt.
Das kleine Einmaleins ist die Basis für fast alles, was in Mathe danach kommt, vom schriftlichen Multiplizieren über das Teilen bis zum Bruch- und Prozentrechnen in der Mittelstufe. Wie diese Grundlage bis Klasse 10 weiterträgt, ordnen wir im großen Leitfaden ein, wie Kinder Mathe von Klasse 5 bis 10 verstehen. Geschrieben ist dieser Text aus Eltern-Sicht und mit der Praxis-Erfahrung von Heiko Schneider, einem unserer Nachhilfelehrer.
Warum Üben oft nichts bringt, obwohl ihr übt
Du kennst das vielleicht: Dein Kind sagt die Siebenerreihe flüssig auf, von sieben bis siebzig. Du fragst dann mitten heraus “sieben mal acht“, und es kommt ins Stocken. Das ist kein Widerspruch und kein Zeichen von Faulheit. Es zeigt nur, dass dein Kind die Reihe als Lied gelernt hat, nicht die einzelnen Aufgaben als Wissen. In der Klassenarbeit steht aber nie die ganze Reihe. Da steht eine einzelne Aufgabe, ohne Anlauf.
Hinter “einmaleins üben“ steckt deshalb selten der Wunsch nach noch einem Arbeitsblatt. Es steckt die Frage dahinter, warum das viele Üben bisher so wenig gebracht hat. Die Antwort hat mit drei verbreiteten Übe-Fehlern zu tun. Erstens wird meistens alles gleich behandelt, obwohl die wenigsten Aufgaben wirklich schwer sind. Zweitens wird die Reihe der Reihe nach geübt, was eine Scheinsicherheit erzeugt. Drittens wird selten und dafür lang geübt, statt kurz und oft.
Dass dein Kind beim Rechnen kämpft, ist übrigens alles andere als ein Einzelfall. Im IQB-Bildungstrend 2021 verfehlten rund 22 Prozent der Viertklässlerinnen und Viertklässler in Mathematik den Mindeststandard, den sie eigentlich erreichen sollten. Das fasst das Institut zur Qualitätsentwicklung im Bildungswesen in seinem Bericht zusammen. Sicheres Einmaleins ist einer der Bausteine, an denen sich später entscheidet, ob ein Kind den Anschluss hält. Die gute Nachricht: Üben wirkt, wenn die Methode stimmt.
Schritt 1: Diagnose vor Drill, finde die echten Lücken
Bevor dein Kind auch nur eine Aufgabe übt, lohnt sich eine kurze Bestandsaufnahme. Sonst übt ihr blind und verbringt die meiste Zeit mit Aufgaben, die längst sitzen. Das frustriert das Kind und bringt fast nichts.
Die Diagnose ist einfach. Schreib die Aufgaben gemischt auf kleine Kärtchen oder eine Liste, nicht reihenweise sortiert, sondern bunt durcheinander. Geh sie mit deinem Kind einmal durch und teile jede Aufgabe in genau eine von drei Schubladen ein: sicher und schnell, richtig aber zögerlich, oder falsch. Für die erste Schublade braucht ihr ab jetzt keine Zeit mehr. Die zweite und dritte Schublade sind euer eigentliches Übe-Programm.
In der Nachhilfe-Praxis zeigt sich oft, dass diese Liste viel kürzer ausfällt, als Eltern erwarten. Viele Kinder beherrschen achtzig oder mehr der hundert Aufgaben bereits sicher. Übrig bleiben vielleicht fünfzehn bis zwanzig Wackelkandidaten. Wenn ihr nur die übt, wird aus einer zähen halben Stunde plötzlich eine machbare Aufgabe. Wer die ganze Tabelle als Werkzeug nutzen will, statt nur als Poster an der Wand, findet die passende Anleitung in unserem Beitrag dazu, wie aus der Einmaleins-Tabelle echtes Kopfrechnen wird.
Schritt 2: Die harten Kerne isolieren, es sind weniger als du denkst
Wenn du die hundert Aufgaben des kleinen Einmaleins nüchtern anschaust, fällt der größte Teil von selbst weg. Die Einerreihe ist trivial. Die Zehnerreihe ist eine Null anhängen. Die Zweierreihe ist Verdoppeln, die Fünferreihe hat ihren klaren Takt, und die Quadratzahlen merken sich viele Kinder als eigene kleine Gruppe. Dazu kommt: Jede Aufgabe gilt doppelt. Wer sieben mal acht kann, kann auch acht mal sieben. Das halbiert den Rest noch einmal.

Übrig bleibt eine überschaubare Gruppe echter Problemfälle, meist im mittleren bis großen Bereich: sechs mal acht, sieben mal acht, vier mal acht, sechs mal sieben, sieben mal neun, acht mal neun. Diese Aufgaben sind nicht schwer, weil die Zahlen groß sind. Sie sind schwer, weil ihre Ergebnisse sich gegenseitig in die Quere kommen. Beim Abrufen einer Aufgabe muss dein Kind die Störung durch andere, eng verwandte Ergebnisse unterdrücken, und manche Kinder erleben diese Störung stärker als andere. Genau das beschreibt die Forschung zum Lernen von Multiplikationsfakten. Bei vier mal acht drängt sich zum Beispiel gern die vierundzwanzig auf, weil sie zu vier mal sechs und drei mal acht gehört.
Für dich heißt das: Schreib diese harten Kerne extra auf. Sie verdienen die meiste Aufmerksamkeit und die häufigste Wiederholung. Alles andere braucht nur ab und zu eine Auffrischung.
Schritt 3: Richtig abfragen statt nur aufsagen lassen
Jetzt kommt der Teil, der den größten Unterschied macht. Es gibt zwei Arten zu üben, die völlig verschieden wirken, obwohl sie sich ähnlich anfühlen.
Die erste Art ist das Aufsagen. Dein Kind liest oder spricht die Reihe der Reihe nach. Das geht schnell, fühlt sich gut an und gibt allen das Gefühl, es laufe. Genau hier liegt die Falle. Die Reihenfolge selbst ist die Krücke. Dein Kind kommt von sechs mal sieben auf sechs mal acht, weil es einfach sieben weiterzählt, nicht weil es die Aufgabe wirklich abrufen kann.
Die zweite Art ist das aktive Abrufen. Du fragst einzelne Aufgaben in zufälliger Reihenfolge, ohne Anlauf, und dein Kind muss das Ergebnis aus dem Kopf holen. Diese Art des Übens, in der Forschung Retrieval Practice genannt, stärkt das Gedächtnis deutlich mehr als reines Wiederholen. Im großen Überblick von Dunlosky und Kolleginnen aus dem Jahr 2013 gehört das Sich-selbst-Abfragen zu den zwei wirksamsten Lernstrategien überhaupt, über alle Altersstufen und Fächer hinweg.
Praktisch heißt das: Karteikarten mit der Aufgabe vorne und dem Ergebnis hinten, gemischt gezogen. Oder du fragst beim Tischdecken drei Aufgaben ab. Wichtig ist nur, dass dein Kind das Ergebnis selbst hervorholt, statt es noch einmal vorgesetzt zu bekommen. Wenn ihr das spielerischer mögt, helfen die Ideen aus unserem Beitrag zu Einmaleins-Spielen, die wirklich etwas bringen.
Schritt 4: Kurz und oft, der unterschätzte Hebel
Viele Familien nehmen sich das Einmaleins am Wochenende vor und üben eine halbe Stunde am Stück. Danach ist eine Woche Pause. Das ist gut gemeint, aber genau die falsche Verteilung.
Das Gedächtnis behält Dinge besser, wenn die Wiederholungen über die Zeit verteilt sind, statt an einem Stück zu passieren. Dieser Effekt ist in der Lernforschung sehr stabil und tritt über verschiedenste Inhalte und Lernertypen hinweg auf. Dasselbe Forschungs-Übersichtswerk von Dunlosky und Kolleginnen zählt das verteilte Üben zu den zwei Strategien mit der höchsten Wirksamkeit, gemeinsam mit dem Abfragen aus Schritt 3.
Für euch zu Hause bedeutet das: Lieber fünf bis zehn Minuten an fünf Tagen als eine Stunde an einem. Kurze, regelmäßige Einheiten passen außerdem viel besser in einen Familienalltag als ein großer Übe-Block, gegen den sich jedes Kind irgendwann sträubt. Eine kleine Runde Karten vor dem Abendessen reicht oft schon. Entscheidend ist die Regelmäßigkeit, nicht die Länge.
So sieht eine Übe-Woche konkret aus
Damit das nicht abstrakt bleibt, hier ein einfacher Wochenrhythmus, den du an dein Kind anpassen kannst. Er kostet pro Tag wenige Minuten und braucht nur Karteikarten oder eine kurze Liste.
Am Anfang der Woche macht ihr einmal die Diagnose aus Schritt 1 und sortiert die Aufgaben in sicher, wackelig und falsch. Aus den wackeligen und falschen Aufgaben baut ihr einen kleinen Stapel, ergänzt um die harten Kerne aus Schritt 2. Von Montag bis Freitag zieht dein Kind dann täglich für fünf bis zehn Minuten einige Karten aus diesem Stapel, gemischt und ohne Anlauf. Aufgaben, die sicher kommen, wandern aus dem Stapel heraus. Aufgaben, die noch haken, bleiben drin und werden am nächsten Tag erneut gezogen.
Am Ende der Woche prüft ihr kurz, was inzwischen fest sitzt. Was sicher ist, kommt in einen Auffrischungs-Stapel, den ihr nur noch einmal pro Woche durchgeht, damit es nicht wieder verblasst. So schrumpft die eigentliche Übe-Menge von Woche zu Woche, und dein Kind erlebt sichtbaren Fortschritt, statt immer wieder bei null anzufangen. Genau dieses Erfolgserlebnis ist es, das die Motivation trägt. Warum reines Auswendiglernen ohne Verständnis trotzdem oft ins Leere läuft und was beim ersten Aufbau hilft, vertiefen wir im Beitrag dazu, wie das Einmaleins von Anfang an wirklich sitzt.
Wenn Üben allein nicht reicht
Manchmal übt eine Familie alles richtig, verteilt, gemischt, mit Diagnose, und es geht trotzdem kaum voran. Das ist kein Grund zur Panik und meist auch kein Zeichen von mangelndem Fleiß. Es kann daran liegen, dass eine Stufe darunter etwas fehlt, zum Beispiel das sichere Verständnis, dass Mal-Rechnen wiederholtes Zusammenzählen ist. Dann hilft kein schnelleres Abfragen, sondern ein Schritt zurück zum Verständnis.

Wenn du das Gefühl hast, dass dein Kind an einer tieferen Stelle hängt, kann eine gezielte Begleitung den Unterschied machen. Woran du gute von schlechter Unterstützung unterscheidest, haben wir im Nachbar-Bereich zusammengetragen, in unserem ehrlichen Überblick dazu, was Nachhilfe für Mathe wirklich leisten kann. Und wenn dein Kind die Grundlagen sicher hat und du den Anschluss an die Mittelstufe vorbereiten willst, findest du alle wichtigen Themen verständlich aufbereitet in unserem Lernbuch Mathe meistern für die 5. bis 10. Klasse.
Was du jetzt tun kannst, ist klein und konkret: Setz dich heute zehn Minuten mit deinem Kind hin, geh die Aufgaben gemischt durch und sortier sie in drei Stapel. Damit hast du den wichtigsten Schritt schon gemacht. Du weißt dann genau, woran ihr ab morgen arbeitet, und musst nie wieder das ganze Einmaleins üben.
Mathe meistern: Alle wichtigen Themen für die 5. - 10. Klasse
Alle wichtigen Mathe-Themen der Klassen 5 bis 10, verständlich erklärt. Zum Nachschlagen neben den Hausaufgaben.
- Von Nachhilfelehrern geschrieben
- Alle wichtigen Themen der Klassen 5 bis 10





