Einmaleins-Tabelle richtig nutzen: vom Poster an der Wand ins Kopfrechnen

Das erwartet dich
Eine Einmaleins-Tabelle an der Wand sorgt noch nicht dafuer, dass dein Kind das kleine Einmaleins wirklich kann. Das klingt erst mal ernuechternd, ist aber eine gute Nachricht. Denn die Tabelle ist ein starkes Werkzeug, wenn man weiss, wie man sie benutzt. Und wenn man weiss, wann man sie wieder weglegt.
Die meisten Treffer, wenn du nach einer Einmaleins-Tabelle suchst, geben dir genau eine Sache: ein PDF zum Ausdrucken. Das ist praktisch, beantwortet aber nicht die Frage, die wirklich dahintersteckt. Die Frage lautet: Wie wird aus diesem Blatt Papier am Ende sicheres Kopfrechnen? Genau darum geht es hier. Das kleine Einmaleins ist die Basis fuer fast alles, was in Mathe danach kommt, vom Bruchrechnen bis zur Prozentrechnung. Wie diese Grundlage bis in die Mittelstufe weiterwirkt, zeigen wir im grossen Leitfaden, wie Kinder Mathe von Klasse 5 bis 10 verstehen. Geschrieben ist dieser Artikel aus Eltern-Sicht und mit der Praxis-Erfahrung von Heiko Schneider, einem unserer Nachhilfelehrer.
Warum die Tabelle allein deinem Kind das Einmaleins nicht beibringt
Stell dir vor, jemand haengt dir einen Fahrplan an die Wand und sagt: Schau einfach oft genug drauf, dann kennst du irgendwann alle Abfahrtszeiten. So funktioniert Lernen nicht, und so funktioniert auch die Einmaleins-Tabelle nicht. Eine Tabelle ist ein Nachschlagewerk. Sie zeigt das Ergebnis, aber sie erklaert nicht, warum es stimmt.
Genau hier liegt der entscheidende Punkt. Wenn dein Kind bei sieben mal acht jedes Mal auf das Poster schaut, uebt es nicht das Rechnen, sondern das Nachschlagen. Beides fuehlt sich aehnlich an, ist aber das Gegenteil voneinander. Beim Nachschlagen bleibt die Aufgabe fremd. Beim Rechnen wird sie vertraut.
Die moderne Grundschul-Didaktik ist sich hier ziemlich einig: Kinder sollen das Einmaleins nicht stur Reihe fuer Reihe auswendig lernen, sondern zuerst die Struktur verstehen und dann automatisieren. Das Auswendigkoennen ist das Ziel, nicht der Startpunkt. Wer zu frueh nur auswendig paukt, ohne die Zusammenhaenge zu sehen, hat spaeter oft Probleme, Multiplikation flexibel anzuwenden.
Die Tabelle ist also nicht der Feind. Sie ist nur an der falschen Stelle eingesetzt, wenn sie zur Dauer-Kruecke wird. Richtig genutzt wird sie zur Landkarte, auf der dein Kind Muster entdeckt. Wie das geht, schauen wir uns Schritt fuer Schritt an.
Wie die Einmaleins-Tabelle aufgebaut ist: aus 100 mach 55
Die volle Einmaleins-Tabelle von eins bis zehn hat zehn Zeilen und zehn Spalten. Das sind hundert Felder, also hundert Aufgaben. Diese Zahl schreckt viele Kinder ab, und das voellig zu Unrecht. Denn in Wahrheit muss dein Kind viel weniger lernen, als es aussieht.
Der erste Grund ist die Tauschaufgabe. Drei mal vier ist genau dasselbe wie vier mal drei. An der Reihenfolge aendert sich am Ergebnis nichts. Das halbiert die Arbeit sofort. Von den hundert Aufgaben bleiben nur noch fuenfundfuenfzig wirklich verschiedene uebrig: fuenfundvierzig Paare, die jeweils zweimal vorkommen, plus die zehn Aufgaben auf der Diagonale.
Diese Diagonale ist der zweite Grund. Auf ihr stehen die Quadratzahlen: eins, vier, neun, sechzehn, fuenfundzwanzig, sechsunddreissig, neunundvierzig, vierundsechzig, einundachtzig, hundert. Viele Kinder finden gerade diese Zahlen schoen, weil sie sich gut merken lassen und ein klares Muster bilden.

Wenn dein Kind die Tabelle einmal so sieht, nicht als hundert Einzelfakten, sondern als gespiegeltes Muster mit einer Diagonale in der Mitte, verliert sie ihren Schrecken. Aus hundert mach fuenfundfuenfzig, und von diesen fuenfundfuenfzig sind viele auch noch einfach. Das ist der Moment, in dem aus Angst Neugier werden kann.
Die Kernaufgaben: der schnellste Weg in die Tabelle
Es gibt einen kleinen Satz von Aufgaben, der fast die ganze Tabelle aufschliesst. In der Didaktik heissen sie Kernaufgaben. Der bayerische LehrplanPLUS nennt sie ausdruecklich: die Einmaleinssaetze mit eins, zwei, fuenf und zehn sowie die Quadratsaetze sollen Kinder schon in der zweiten Klasse sicher und flexibel beherrschen, so steht es im Fachlehrplan Mathematik.
Warum gerade diese Aufgaben? Weil sie am leichtesten fallen und weil man von ihnen aus alles andere herleiten kann. Die Einerreihe ist trivial. Die Zehnerreihe haengt einfach eine Null an. Die Zweierreihe ist Verdoppeln. Die Fuenferreihe hat ein klares Muster im Ergebnis, fuenf, zehn, fuenfzehn, zwanzig. Und die Quadratzahlen bilden die Diagonale.
Wer diese Kernaufgaben sicher kann, hat damit schon einen grossen Teil der Tabelle abgedeckt und kann sich den Rest errechnen, statt ihn auswendig zu kennen. Genau das meint der Lehrplan, wenn er fordert, dass Kinder die Kernaufgaben nutzen sollen, um weitere Aufgaben zu loesen. Ein Beispiel: Neun mal acht muss niemand auswendig wissen. Man rechnet zehn mal acht, das sind achtzig, und nimmt einmal acht wieder weg. Achtzig minus acht ist zweiundsiebzig. Fertig.
Das ist der eigentliche Trick hinter der Tabelle. Sie ist nicht hundert Dinge zum Pauken, sondern eine Handvoll sicherer Ankerpunkte und die Faehigkeit, von dort aus zu denken.
Von der Tabelle in den Kopf: drei Schritte, mit denen die Kruecke verschwindet
Hier ist ein konkreter Weg, mit dem die Tabelle ihren Job tut und sich danach selbst ueberfluessig macht. Drei Schritte, die du zu Hause begleiten kannst, ohne selbst Mathe studiert zu haben.
Schritt eins: Muster sehen. Setz dich einmal mit deinem Kind vor die Tabelle und sucht gemeinsam Muster. Wo wiederholen sich Zahlen? Wo ist die Spiegelung an der Diagonale? Welche Reihe ist die einfachste? Es geht in diesem Schritt nicht ums Rechnen, sondern ums Hinschauen. Das Kind soll begreifen, dass die Tabelle geordnet ist und nicht aus dem Nichts kommt.
Schritt zwei: Kernaufgaben markieren und sichern. Nehmt einen Stift und markiert die Reihen mit eins, zwei, fuenf und zehn sowie die Quadratzahlen. Diese Aufgaben uebt dein Kind, bis sie ohne Nachdenken sitzen. Das ist ueberschaubar und gibt schnelle Erfolge. Genau diese Erfolge braucht ein Kind, das bisher nur Frust mit dem Einmaleins verbindet.
Schritt drei: Tabelle abdecken. Jetzt kommt der entscheidende Teil, den fast kein Poster-Artikel erwaehnt. Sobald die Kernaufgaben sitzen, deckt ihr die Tabelle Stueck fuer Stueck ab. Erst einzelne Felder, dann ganze Reihen. Was abgedeckt ist, wird gerechnet oder hergeleitet, nicht nachgeschaut. Die schweren Aufgaben bleiben am laengsten sichtbar, die leichten verschwinden zuerst. So wird aus dem Nachschlagewerk ein Lernwerkzeug, das langsam, aber sicher in den Kopf wandert.
Dieser dritte Schritt ist der Grund, warum manche Kinder das Einmaleins nie ganz frei koennen. Die Tabelle bleibt einfach zu lange offen haengen. Das Abdecken ist kein Detail, es ist der Punkt, an dem das eigentliche Lernen beginnt.
Die schweren Reihen: 7er, 8er und die unbeliebteste Aufgabe
Nicht alle Reihen sind gleich schwer. Die Einerreihe, die Zweierreihe, die Fuenferreihe und die Zehnerreihe fallen den meisten Kindern leicht. Schwieriger wird es bei der Siebenerreihe und der Achterreihe. In der Nachhilfe-Praxis zeigt sich immer wieder dasselbe Muster: Genau hier bleibt die Tabelle am laengsten an der Wand haengen, und genau hier gibt das Kopfrechnen am ehesten auf.
Die unbeliebteste Aufgabe ist fast immer sieben mal acht. Sie liegt mitten im Feld, hat kein offensichtliches Muster und gehoert zu zwei schweren Reihen gleichzeitig. Wenn dein Kind ausgerechnet an dieser Aufgabe haengt, ist das also kein Zeichen von Schwaeche, sondern voellig normal.
Der gute Weg fuehrt auch hier ueber die Kernaufgaben. Sieben mal acht lasst sich aus fuenf mal acht plus zwei mal acht zusammensetzen. Vierzig plus sechzehn ergibt sechsundfuenfzig. Wer das ein paarmal bewusst so rechnet, braucht die Tabelle bald nicht mehr. Das Ergebnis setzt sich von selbst fest, weil es nicht auswendig gelernt, sondern verstanden wurde.
Ein praktischer Hinweis aus der Praxis: Es lohnt sich, die schweren Reihen ganz zum Schluss zu lernen. Wenn alle leichten Reihen sitzen, sind dank der Tauschaufgabe fast alle Aufgaben der schweren Reihen schon vertraut. Uebrig bleibt nur eine Handvoll echter Brocken, und die lassen sich gezielt angehen.
Wann die Tabelle hilft und wann sie schadet
Die Tabelle hilft am Anfang. Sie ist ideal, um Muster zu zeigen, um Sicherheit zu geben und um Frust herauszunehmen. Ein Kind, das gerade erst startet, darf gern nachschauen. Niemand lernt Schwimmen, indem man ihm sofort die Schwimmhilfe wegnimmt.
Die Tabelle schadet, wenn sie zur dauerhaften Antwort wird. Wenn dein Kind in der vierten Klasse bei jeder Multiplikation noch auf das Poster schielt, ist sie vom Hilfsmittel zur Bremse geworden. Spaetestens dann muss sie weg, Schritt fuer Schritt, wie oben beschrieben. Bis zum Ende der Grundschule sollten die Ergebnisse des kleinen Einmaleins fest sitzen und ohne grosse Muehe abrufbar sein, denn ab der Mittelstufe wird Multiplikation staendig vorausgesetzt.
Wenn dein Kind trotz geduldigem Ueben einfach nicht von der Tabelle loskommt, kann das verschiedene Gruende haben, von einer wackeligen Plus- und Minus-Grundlage bis zu einer echten Rechenschwaeche. In solchen Faellen hilft kein neues Poster, sondern ein genauer Blick darauf, wo es wirklich hakt. Wie gezielte Begleitung dabei aussieht, erklaeren wir in unserem Beitrag dazu, woran du gute Mathe-Nachhilfe erkennst.
Auch der naechste Schritt nach dem Einmaleins ist uebrigens leichter, wenn die Grundlage sitzt. Wer sicher multipliziert, tut sich beim Addieren von Bruechen deutlich leichter, weil das Erweitern und Kuerzen genau auf dem Einmaleins aufbaut. Und wenn dein Kind die Reihen erst noch grundlegend aufbauen muss, findest du den ausfuehrlichen Weg in unserem Guide dazu, wie Kinder das Einmaleins wirklich lernen.
Was du jetzt tun kannst
Druck die Tabelle ruhig aus und haeng sie auf. Aber gib ihr von Anfang an ein Ablaufdatum. Sie ist die Startrampe, nicht der Dauerzustand.
Geh mit deinem Kind die drei Schritte durch: erst gemeinsam die Muster anschauen, dann die Kernaufgaben sichern, dann die Tabelle Stueck fuer Stueck abdecken. Ueb lieber kurz und regelmaessig als selten und lang, ein paar Minuten am Tag bringen mehr als eine Stunde am Wochenende. Und nimm den Druck raus: Wenn sieben mal acht noch hakt, ist das normal und kein Grund zur Sorge.

Wenn du dein Kind ueber das Einmaleins hinaus durch die ganze Mittelstufe begleiten willst, mit dem gleichen Prinzip, einmal verstehen statt zehnmal stur ueben, findest du genau diesen Ansatz in unserem Lernbuch Mathe meistern fuer die 5. bis 10. Klasse. Es nimmt dein Kind genau dort an die Hand, wo die Schule oft zu schnell weitergeht.
Mathe meistern: Alle wichtigen Themen für die 5. - 10. Klasse
Alle wichtigen Mathe-Themen der Klassen 5 bis 10, verständlich erklärt. Zum Nachschlagen neben den Hausaufgaben.
- Von Nachhilfelehrern geschrieben
- Alle wichtigen Themen der Klassen 5 bis 10





