Lerntechniken für Erwachsene: Funktioniert Lernen mit 40 anders als mit 14?

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Nachhilfelehrer Heiko erklaert einer erwachsenen Lernenden eine Lernmethode am Schreibtisch

Lernen wird mit dem Alter nicht schlechter. Schlechter werden meist nur die Methoden, mit denen du es versuchst. Wenn du dir gerade etwas Neues beibringst, für den Job, eine Weiterbildung oder eine Prüfung, dann greifst du wahrscheinlich auf genau das zurück, was du in der Schule gelernt hast: Text lesen, markieren, noch mal lesen. Das fühlt sich nach Arbeit an. Hängen bleibt davon trotzdem wenig.

Damit bist du nicht allein. 2022 haben in den vier Wochen vor der Befragung nur 8 Prozent der 25- bis 64-Jährigen in Deutschland an einer Weiterbildung teilgenommen, im EU-Schnitt waren es 12 Prozent. Das meldet das Statistische Bundesamt. Viele schieben Lernen auf, weil sie es als zäh und wenig ergiebig erlebt haben. Die gute Nachricht: Die Forschung weiß ziemlich genau, was wirkt. Und dieselben Techniken, die dir helfen, helfen später auch deinem Kind. Wie gutes Lernen grundsätzlich funktioniert, zeigen wir auch im großen Überblick zu Lernmethoden für Kinder, denn die Mechanik dahinter gilt in jedem Alter.

Warum du wahrscheinlich noch lernst wie mit 14

Erwachsene haben einen Vorteil: Du lernst gezielter, du weißt, warum du etwas brauchst, und du kannst an Vorwissen andocken. Den Vorteil verspielst du, wenn die Technik dieselbe bleibt wie früher.

Das typische Muster sieht so aus. Du nimmst dir einen Abend, liest alles am Stück durch, markierst die wichtigen Stellen gelb und liest am nächsten Tag noch einmal drüber. Danach hast du das Gefühl, es zu können. Genau das ist die Falle. Das Gefühl, etwas zu beherrschen, sagt wenig darüber aus, ob du es in zwei Wochen noch abrufen kannst.

In der Nachhilfe-Praxis sehen wir dasselbe bei Kindern wie bei den Eltern, die zu Hause mitlernen: Die Methode, die sich am produktivsten anfühlt, ist selten die, die etwas im Kopf verankert.

Die drei Hebel, die in jedem Alter wirken

Statt dir eine lange Methoden-Liste zu merken, reichen drei Hebel. Wir nennen sie Abrufen, Verteilen und Verstehen. Alle drei sind in der Lernforschung gut belegt, und keiner davon hängt am Alter.

Abrufen heißt: Du holst den Stoff aktiv aus dem Kopf, statt ihn noch einmal vor dir liegen zu haben. Verteilen heißt: Du verteilst dieselbe Lernzeit auf mehrere Tage, statt sie in einen Block zu stopfen. Verstehen heißt: Du erklärst dir selbst, warum etwas so ist, statt es nur auswendig zu lernen.

Die ersten beiden Hebel sind dabei die stärksten, dazu gleich mehr. Der dritte sorgt dafür, dass das Gelernte auch zusammenhängt und nicht als Inselwissen verpufft.

Was wirklich hängen bleibt und was sich nur gut anfühlt

Eine viel zitierte Übersicht von Dunlosky und Kollegen aus dem Jahr 2013 hat gängige Lernstrategien danach sortiert, wie gut sie das Behalten fördern. Das Ergebnis ist unbequem: Die beliebtesten Methoden schneiden am schlechtesten ab, die wirksamsten nutzt kaum jemand. Verteiltes Lernen und Abrufübung gelten als die beiden wirksamsten Strategien, wiederholtes Lesen dagegen als wenig hilfreich fürs Langzeitbehalten. Die Forschenden fassen es so: Schnelle Erfolge beim Lernen gaukeln uns vor, das Wissen lange zu behalten. Nachzulesen ist das gut aufbereitet bei den Universitäts-Psychologen von In-Mind.

Vergleich wirksamer Lerntechniken gegenüber Methoden die sich nur produktiv anfühlen

Kurz gegenübergestellt sieht das so aus:

Wirkt wirklich Fühlt sich nur produktiv an
Sich selbst abfragen (Abrufübung) Den Text noch einmal durchlesen
Lernzeit über Tage verteilen Alles an einem Abend stapeln
Sich den Stoff selbst erklären Wichtiges gelb markieren

Das heißt nicht, dass Markieren verboten ist. Es heißt nur: Wenn das deine Hauptmethode ist, investierst du viel Zeit in das Gefühl zu lernen, statt ins Lernen selbst.

Der Lerntyp-Test: warum er dich Zeit kostet

Viele Ratgeber schicken dich zuerst zu einem Test, der herausfinden soll, ob du ein visueller, auditiver oder haptischer Lerntyp bist. Die Idee klingt einleuchtend. Sie hält der Forschung aber nicht stand.

Es gibt keine belastbare Evidenz, dass Lernen passend zum angeblichen Lerntyp zu besseren Ergebnissen führt. Fachleute bezeichnen die Vorstellung fester Lerntypen inzwischen als Neuromythos. Trotzdem glauben in Industrieländern rund 80 bis 95 Prozent der Menschen daran, wie die American Psychological Association zusammenfasst. Die Zeit, die du in die Suche nach deinem Typ steckst, ist also besser in eine der belegten Techniken investiert. Warum das auch für Schulkinder gilt, haben wir in der Frage, ob ein Lerntypentest überhaupt sinnvoll ist, ausführlich aufgedröselt.

Lernen verteilen statt in einer Nacht stapeln

Der erste praktische Hebel ist der einfachste. Sobald du etwas Neues aufnimmst, fängst du an zu vergessen. Das hat schon Hermann Ebbinghaus mit seiner Vergessenskurve gezeigt. Wiederholst du den Stoff, flacht die Kurve ab, und die Abstände zwischen den Wiederholungen dürfen mit der Zeit immer größer werden. Die Universität Göttingen beschreibt das als verteiltes Wiederholen.

Praktisch heißt das: Drei mal 20 Minuten an drei Tagen schlagen 60 Minuten am Stück. Du brauchst dafür keine App. Ein einfacher Karteikasten nach dem Leitner-Prinzip reicht. Karten, die du sicher kannst, wandern nach hinten und kommen seltener dran. Karten, die hakeln, bleiben vorne.

Für ältere Lernende ist das besonders interessant. Eine Studie zu jüngeren und älteren Erwachsenen fand, dass beide Gruppen von verteiltem Abrufen profitieren, der Vorteil längerer Abstände bei den älteren sogar etwas größer ausfiel. Nach etwa drei erfolgreichen Abrufen mit großem Abstand brachten weitere Wiederholungen kaum noch Zusatzgewinn. Das Ergebnis ist bei PubMed Central dokumentiert. Mit anderen Worten: Wenige, gut verteilte Durchgänge reichen, du musst dich nicht totwiederholen.

Abrufen statt nur wiederlesen

Der zweite Hebel ist der unbequeme, aber der mit dem größten Effekt. Statt den Stoff noch einmal zu lesen, klappst du das Buch zu und versuchst, ihn aus dem Kopf zu rekonstruieren. Auf Papier, laut, oder als Erklärung für jemand anderen.

Das fühlt sich anstrengend an, und genau deshalb wirkt es. Jedes Abrufen festigt die Erinnerung stärker als ein erneutes Durchlesen. Du merkst außerdem sofort, was du wirklich kannst und was nur vertraut aussieht. Diese Lücke siehst du beim reinen Lesen nie.

Drei einfache Wege, dich selbst abzufragen:

  • Decke nach einem Abschnitt den Text ab und schreibe die Kernpunkte aus dem Gedächtnis auf.
  • Formuliere zu jedem Thema eine Frage und beantworte sie am nächsten Tag.
  • Erkläre den Stoff einer Person, die nichts davon weiß, oder einer leeren Wand.

Wer beides kombiniert, Abrufen und Verteilen, holt das Meiste heraus. Eine kompakte Einordnung, welche Methode wann passt, findest du in unserer Übersicht der wichtigsten Lernmethoden.

Verstehen: die Warum-Frage als dritter Hebel

Abrufen und Verteilen sorgen dafür, dass etwas im Kopf bleibt. Verstehen sorgt dafür, dass es auch zusammenhängt. Der Unterschied ist gerade als Erwachsener wichtig, weil du selten reine Faktenlisten lernst, sondern Zusammenhänge brauchst, die du im Job oder in der Prüfung anwenden sollst.

Der einfachste Weg dorthin ist die Warum-Frage. Statt einen Satz auswendig zu lernen, fragst du dich: Warum ist das so? Wie hängt das mit etwas zusammen, das ich schon kenne? Was wäre, wenn ich es weglasse? Dieses Selbst-Erklären zwingt dich, den Stoff in eigene Worte zu fassen. Genau dabei merkst du, ob du ihn wirklich durchdrungen hast oder nur Wörter nachsprichst.

Das passt gut zu deinem Erwachsenen-Vorteil. Du hast Vorwissen, an das du andocken kannst. Eine neue Vokabel, eine Regel, ein Ablauf bleibt eher haften, wenn du ihn an etwas Bekanntes knüpfst, statt ihn isoliert ins Gedächtnis zu pressen. Verstehen ersetzt das Abrufen nicht, aber es macht jede Abrufrunde wertvoller.

Konzentration: warum ein Fenster zu viel reicht

Eine Sache zur Zeit klingt altmodisch, ist aber der Hebel mit dem schnellsten Effekt. Wer beim Lernen ständig zwischen Aufgabe und Handy wechselt, zahlt jedes Mal Wechselkosten: Das Gehirn braucht Zeit, sich neu einzufinden, und macht mehr Fehler.

Eine bekannte Untersuchung der Stanford University zeigte, dass Menschen, die viel gleichzeitig erledigen, in Tests schlechter abschnitten. Sie waren langsamer beim Wechseln und ließen sich leichter ablenken. Übersetzt auf deinen Lernabend heißt das: ein Tab, ein Thema, Handy außer Reichweite.

Das ist als Erwachsener oft die größere Hürde als die Technik selbst. Du lernst zwischen Beruf, Haushalt und Familie, in Lücken statt in Ruhe. Genau deshalb spielt das Verteilen so gut mit der Konzentration zusammen: Ein kurzer, ungestörter Block ist leichter zu schützen als ein langer Lernabend, der ständig unterbrochen wird. Lieber 25 konzentrierte Minuten als eine zerfaserte Stunde.

Was das mit dem Lernen deines Kindes zu tun hat

Hier schließt sich der Kreis. Verteiltes Lernen wirkt über alle Altersgruppen hinweg, vom Kindergartenalter bis ins hohe Alter. Die Hebel, die dir helfen, sind dieselben, die deinem Kind helfen.

Das hat zwei praktische Folgen. Erstens: Du musst beim Lernen mit deinem Kind nicht raten. Wenn ihr gemeinsam für eine Mathearbeit übt, lasst das Kind die Aufgabentypen aus dem Kopf erklären, statt nur die Lösungswege nachzulesen, und verteilt das Üben auf mehrere kurze Einheiten. Zweitens: Du lebst die Methode vor. Ein Kind, das sieht, wie ein Erwachsener sich selbst abfragt und in kleinen Portionen lernt, hält das für normal.

Elternteil und Kind lernen gemeinsam mit einem Mathe-Lernbuch

Wenn die Baustelle gerade Mathe ist, hilft ein klar aufgebautes Übungsbuch beim Verteilen und Abfragen. Unser Buch Einfach Mathe: alle wichtigen Themen für die 5. bis 10. Klasse ist genau so aufgebaut, in kleine Themen geteilt, mit denen ihr in kurzen Einheiten üben könnt. Wie ihr ein Thema von Grund auf aufzieht, zeigt der weiterführende Guide zu Mathe verstehen in Klasse 5 bis 10. Und wenn du den Verdacht hast, dass hinter den Schwierigkeiten mehr steckt als fehlende Übung, lohnt der Blick in unseren Guide zu Rechenschwäche und Dyskalkulie.

Was du diese Woche konkret ändern kannst

Du brauchst kein neues System und keine teure App. Drei Änderungen reichen für den Anfang.

Nimm dir das Thema vor, das du gerade lernst, und teile die Lernzeit auf drei kurze Einheiten an drei Tagen auf. Klappe in jeder Einheit das Material zu und schreibe die Kernpunkte aus dem Gedächtnis auf, bevor du nachschaust. Und leg das Handy in einen anderen Raum, solange du dran bist.

Das ist weniger spektakulär als ein bunter Lernplan. Aber es ist das, was nach zwei Wochen noch in deinem Kopf ist. Welche dieser Techniken sich gut auf Arbeitsblätter und Übungsmaterial übertragen lassen, zeigen wir am Beispiel der Lerntechniken für Schüler.

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