Lerntypentest für Schüler: Sollte dein Kind wirklich einen machen?

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Elternteil und Kind schauen gemeinsam auf einen Lerntypentest am Tablet

Rund 90 Prozent der Lehrkräfte weltweit halten feste Lerntypen für real. Die Lernforschung tut das nicht. Genau in dieser Lücke steckt der Grund, warum ein Lerntypentest selten das liefert, was du dir davon erhoffst.

Wenn du gerade nach einem Test für dein Kind suchst, willst du im Kern eine einfache Antwort: Wie lernt mein Kind am besten? Diese Frage ist berechtigt, und sie verdient eine ehrliche Antwort statt eines bunten Ergebnis-Balkens. Dieser Artikel zeigt dir, was so ein Test überhaupt misst, was die Wissenschaft dazu sagt und was deinem Kind beim Lernen wirklich weiterhilft. Eine breitere Übersicht über sinnvolle Wege findest du in unserem großen Überblick zu Lernmethoden für Kinder. Geschrieben aus Eltern-Sicht und mit der Praxis-Erfahrung von Heiko Schneider, einem unserer Nachhilfelehrer.

Was ein Lerntypentest wirklich misst (und was nicht)

Ein Lerntypentest ist in fast allen Fällen ein Fragebogen. Dein Kind klickt sich durch zwanzig oder dreißig Aussagen wie “Ich merke mir Dinge besser, wenn ich sie sehe“ und bekommt am Ende ein Etikett: visuell, auditiv, haptisch oder kommunikativ. Die bekannteste Variante geht auf den Biochemiker Frederic Vester zurück, der diese Einteilung in den 1970er Jahren populär machte. Seitdem taucht sie in unzähligen Schülerzeitschriften, Apps und Ratgebern auf.

Das klingt nach Diagnostik, ist aber etwas anderes. Der Test fragt nach einer Vorliebe. Er erfasst, welche Art der Darbietung sich für dein Kind angenehm anfühlt, zum Beispiel ob es lieber zuhört oder lieber etwas anschaut. Eine Vorliebe ist real und völlig in Ordnung. Sie sagt nur nichts darüber aus, wie dein Kind am Ende am meisten lernt.

Dazu kommt ein praktisches Problem: Die meisten Tests trennen sauber, was im Kopf gar nicht sauber getrennt ist. Kaum ein Kind ist rein “visuell“. Die Antworten landen fast immer als Mischung in mehreren Kategorien, und welche davon oben steht, hängt oft an wenigen Klicks und an der Tagesform. Aus diesem wackeligen Ergebnis wird dann eine feste Schublade gemacht.

Das ist der entscheidende Punkt, den viele Test-Seiten verschweigen. Sie verkaufen die Vorliebe als Lernrezept. Aus “mein Kind hört lieber zu“ wird “mein Kind muss alles hören“. Genau dieser Sprung ist der Fehler, und er ist gut untersucht.

Warum die Forschung dem Test widerspricht

Die Annahme hinter jedem Lerntypentest hat einen Namen. Forscher nennen sie die Meshing-Hypothese: die Idee, dass ein Kind besser lernt, wenn man den Unterricht an seinen Lerntyp anpasst. Genau diese Idee ließ sich nie belegen.

Die meistzitierte Untersuchung dazu stammt von Harold Pashler und Kollegen aus dem Jahr 2008. Das Team durchforstete die vorhandenen Studien und fand keinen belastbaren Beleg dafür, dass ein an den Lerntyp angepasster Unterricht zu besseren Ergebnissen führt. Der Befund ist seither vielfach bestätigt worden. Vorlieben gibt es, der versprochene Lernvorteil fehlt.

In Deutschland fasst das Deutsche Schulportal die Forschungslage zusammen: Die Lerntypen-Theorie ist wissenschaftlich nicht haltbar. Es gibt keine belastbaren Belege, dass sich Menschen einem festen Lerntyp zuordnen lassen oder dass diese Zuordnung den Lernerfolg verbessert. Auch aus der Hirnforschung kommt Gegenwind: Sinneseindrücke werden bei den meisten Menschen sehr ähnlich verarbeitet, große Typ-Unterschiede ließen sich dort nicht messen.

Trotzdem hält sich der Glaube hartnäckig. Rund 90 Prozent der Lehrkräfte weltweit gehen laut Schulportal von Lerntypen aus, und unter angehenden Lehrkräften in Deutschland stimmten sogar 95 Prozent der Aussage zu, dass man verschiedene Lerntypen im Unterricht berücksichtigen sollte. Eine Idee kann also weit verbreitet und gleichzeitig falsch sein. Genau das macht sie für Eltern so schwer zu durchschauen.

Auch die britische Education Endowment Foundation, eine der größten Sammelstellen für Unterrichtsforschung, ordnet Lernstile sehr nüchtern ein: Die Beleglage sei ausgesprochen dünn, und es gebe kaum Evidenz für einen festen Satz von Lernstilen, mit dem sich der Lernbedarf eines Kindes verlässlich bestimmen ließe.

Gegenüberstellung: was ein Lerntypentest verspricht und was die Forschung dazu zeigt

Wenn das Etikett mehr schadet als hilft

Ein Test wäre halb so wild, wenn das Ergebnis einfach folgenlos bliebe. Das tut es aber oft nicht. Ein Etikett wirkt, und zwar in beide Richtungen.

Eine 2023 in der Fachzeitschrift Nature veröffentlichte Studie zeigt, wie schnell aus einer Schublade ein Vorurteil wird. Sobald Kinder als “visuell“ oder “kinästhetisch“ beschrieben wurden, schätzten Erwachsene die als visuell etikettierten Kinder als klüger ein und trauten ihnen in Kernfächern wie Mathe und Sprachen mehr zu. Die als kinästhetisch beschriebenen Kinder wurden eher in Richtung Sport und kreative Fächer sortiert. Das Kind ist dasselbe, allein das Etikett verschiebt die Erwartung der Erwachsenen.

Die Education Endowment Foundation warnt aus demselben Grund ausdrücklich davor, jüngere Kinder festzulegen oder schwache Leistung mit dem Lernstil zu erklären. Genau das beschädigt Motivation und Selbstvertrauen. Wer einem Kind sagt, es sei eben kein “auditiver Typ“, liefert ihm eine bequeme Ausrede, beim nächsten Hörverstehen gar nicht erst richtig hinzuhören. So schreibt ein Kind ganze Aufgabenarten ab, die es eigentlich gut könnte. Aus unserer Nachhilfe-Praxis hören wir genau das oft: Kinder, die überzeugt sind, eine bestimmte Methode könne bei ihnen nicht funktionieren, noch bevor sie sie ernsthaft probiert haben.

Heißt das, die Vorliebe ist egal?

Nein, und das ist eine wichtige Einschränkung. Dass dein Kind etwas lieber tut, hat durchaus seinen Wert. Wer gern mit Skizzen arbeitet, setzt sich vielleicht freiwilliger hin und bleibt länger dran. Motivation und ein gutes Gefühl beim Lernen sind echte Vorteile, und die darfst du ruhig nutzen.

Der Fehler liegt erst eine Stufe weiter. Er beginnt dort, wo aus “macht mein Kind gern“ ein “muss mein Kind ausschließlich so“ wird und alles andere wegfällt. Eine Vorliebe ist ein Startpunkt, kein Begrenzungszaun. Dein Kind darf gern mit dem Kanal anfangen, der ihm liegt, sollte aber nicht dort stehenbleiben, wenn der Stoff einen anderen verlangt.

Die bessere Frage: Was passt zum Stoff, nicht zum Kind

Wenn der Lerntyp die falsche Frage ist, was ist dann die richtige? Sie lautet: Welcher Kanal passt zu diesem Stoff? Nicht jedes Kind hat seinen festen Kanal, aber jeder Inhalt hat seinen passenden.

Vokabeln lernt man besser, wenn man sie hört und laut ausspricht, weil Sprache nun einmal über Klang funktioniert. Eine Kurvendiskussion oder ein geometrischer Zusammenhang wird klarer, sobald man ihn zeichnet. Einen chemischen Vorgang versteht man, indem man ihn einmal selbst durchführt. Der Kanal richtet sich nach der Sache, nicht nach einem Test-Ergebnis über dein Kind.

Das Schulportal nennt dafür das Stichwort Dual Coding: Inhalte bleiben besser hängen, wenn dein Kind sie gleichzeitig bildlich und sprachlich verarbeitet, also ein Schaubild ansieht und sich dazu in eigenen Worten erklärt, was es zeigt. Das ist kein Widerspruch zu “visuell“ oder “auditiv“, sondern die Auflösung. Beide Kanäle zusammen schlagen jeden einzelnen. Wie sich so ein vermeintlicher Lerntyp im Alltag konkret auswirkt, schauen wir uns am Beispiel des haptischen Lernens noch genauer an.

Drei Wege, die laut Forschung wirklich tragen

Die gute Nachricht: Es gibt Methoden, deren Wirkung gut belegt ist. Und sie funktionieren bei jedem Kind, unabhängig von jedem Testergebnis.

Der erste Weg ist verteiltes Üben. Dein Kind lernt denselben Stoff besser, wenn es ihn auf mehrere kürzere Einheiten verteilt, statt alles am Abend vor der Arbeit zu pauken. Dreimal zwanzig Minuten über die Woche bringen mehr als eine lange Sitzung, obwohl sich die lange Sitzung fleißiger anfühlt.

Der zweite Weg ist das Abrufen, also aktives Selbsttesten. Statt den Text noch einmal zu lesen, legt dein Kind das Heft weg und versucht, den Inhalt aus dem Gedächtnis wiederzugeben. Dieses Abrufen strengt mehr an als Lesen, und genau deshalb wirkt es: Das Gehirn holt die Information aktiv hervor und verankert sie dabei fester. Eine große Forschungsübersicht von John Hattie und Gregory Donoghue aus dem Jahr 2021, die ältere Befunde von Dunlosky und Kollegen bestätigt, nennt verteiltes Üben und Selbsttesten als die beiden wirksamsten Lernstrategien überhaupt. Reines Wiederlesen, Markieren und Unterstreichen schneidet dagegen deutlich schwächer ab, obwohl es sich produktiv anfühlt.

Der dritte Weg ist das eben beschriebene Dual Coding: erklären und zeichnen statt nur anschauen. Welche dieser Techniken sich für welche Aufgabe am besten eignet, ordnen wir in unserem Beitrag zu Lerntechniken und ihren passenden Einsätzen ein. Und warum die populärsten Lerntipps oft am wenigsten bringen, haben wir an anderer Stelle ausführlich aufgeschrieben.

Gerade in Mathe zahlt sich dieser Wechsel besonders aus, weil dort jedes Thema auf dem vorigen aufbaut. Wie sich Lücken über die Mittelstufe hinweg schließen lassen, zeigt unser Leitfaden, wie Kinder Mathe von Klasse 5 bis 10 verstehen. Dieselben Prinzipien stecken auch in unserem Lernbuch Mathe meistern für die 5. bis 10. Klasse, das jedes Thema Schritt für Schritt aufbaut und mit kurzen Selbsttests arbeitet.

Kind übt mit Karteikarten und Lernbuch am Tisch

Was du als Eltern jetzt konkret tun kannst

Du musst keinen Test machen, um deinem Kind zu helfen. Drei Schritte bringen mehr als jedes Ergebnis-Etikett.

Beobachte zuerst, woran es konkret hakt, statt zu fragen, welcher Typ dein Kind ist. Versteht es eine Aufgabe nicht, oder vergisst es den Stoff bis zur Arbeit wieder? Das sind zwei verschiedene Probleme mit zwei verschiedenen Lösungen, und keiner Schublade lässt sich das ablesen.

Stelle danach das Üben um. Lass dein Kind den Stoff aus dem Gedächtnis erklären, in kurzen Einheiten über mehrere Tage verteilt. Wenn etwas schwer zu greifen ist, lass es eine Skizze dazu machen und sie dir in eigenen Worten erklären. Du brauchst dafür kein Fachwissen, nur die richtige Frage: “Zeig mir, wie das geht.“

Und nimm deinem Kind den Druck, einem festen Typ entsprechen zu müssen. Kein Kind ist auf einen Kanal festgelegt. Diese Freiheit ist der eigentliche Gewinn, wenn du den Lerntypentest hinter dir lässt: Dein Kind darf alles ausprobieren, was zur jeweiligen Aufgabe passt. Und wenn es trotz allem an einem bestimmten Thema immer wieder hängt, liegt das fast nie an einem falschen Lerntyp, sondern an einer konkreten Lücke, die sich mit der richtigen Begleitung gezielt schließen lässt.

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