Dyskalkulie-Übungen: womit dein Kind anfangen sollte (und womit nicht)

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Kind legt mit einem Lernbegleiter strukturierte Mengen aus Baukloetzen, daneben Rechenrahmen und Zahlenstrahl

Ein Stapel ausgedruckter Arbeitsblätter, eine Lern-App auf dem Tablet, dazu ein Übungsheft aus dem Buchladen: Wenn bei euch zu Hause eine Rechenschwäche im Raum steht, habt ihr Übungen vermutlich längst da. Und trotzdem kommt die nächste Mathe-Arbeit wieder rot zurück.

Das ist frustrierend, und es liegt fast nie an zu wenig Fleiß. Bei einer Dyskalkulie entscheidet nicht, wie viel ein Kind übt, sondern auf welcher Ebene. Genau diesen Punkt überspringen die meisten Übungssammlungen. Wie das Thema ins größere Bild passt, ordnen wir im großen Eltern-Ratgeber zu Rechenschwäche bei deinem Kind ein. Geschrieben ist dieser Text aus Eltern-Sicht und mit der Praxis-Erfahrung von Heiko Schneider, einem unserer Nachhilfelehrer.

Warum die meisten Dyskalkulie-Übungen ins Leere laufen

Die übliche Logik ist nachvollziehbar: Das Kind hängt im aktuellen Stoff, also üben wir den aktuellen Stoff. Bei einer echten Rechenstörung sitzt die Lücke aber viel weiter unten. Es fehlt das sichere Verständnis dafür, was eine Menge und eine Zahl überhaupt sind. Wer darauf weitere Übungen stapelt, baut auf Sand.

Dasselbe Arbeitsblatt kann dabei völlig verschiedene Dinge trainieren. Eine Seite mit Plusaufgaben übt für das eine Kind das schnelle Abrufen, für das andere ist sie eine Qual, weil es jede Aufgabe noch zählend löst und an der Menge dahinter scheitert. Die Übung ist nicht das Problem, die Ebene ist es.

Wichtig vorweg, weil es entlastet: Eine Dyskalkulie hat nichts mit mangelnder Begabung zu tun. Sie ist ausdrücklich nicht durch eine geringere Intelligenz erklärbar, betroffene Kinder sind normal begabt, und rund 5 Prozent von ihnen sind betroffen (Uniklinikum Jena). Schätzungen zur Häufigkeit reichen je nach Definition von etwa 3 bis 7 Prozent (Deutsches Schulportal). Dein Kind ist mit diesem Problem also alles andere als allein.

Eine Übung wirkt deshalb nur, wenn sie an der richtigen Stelle ansetzt. Und um die zu finden, hilft es, sich das Rechnen als Treppe vorzustellen.

Die vier Ebenen, auf denen Rechnen aufbaut

Vier-Stufen-Treppe der Rechen-Grundlagen: Mengen verstehen, Zahlenraum, Grundrechenarten, schnelles Abrufen

Rechnen ist kein einzelnes Können, sondern eine Abfolge von Bausteinen, die aufeinander stehen. Der Schwerpunkt jeder guten Förderung liegt auf dem Mengen- und Zahlenverständnis, erst danach folgt das eigentliche Rechnen (Bundesverband Legasthenie und Dyskalkulie). Vier Ebenen lassen sich gut unterscheiden:

  1. Mengen verstehen: kleine Mengen auf einen Blick erfassen, ohne jedes Teil einzeln abzuzählen, und sicher sagen können, wo mehr und wo weniger ist.
  2. Zahlenraum aufbauen: Zahlen auf dem Zahlenstrahl verorten, ihre Größe vergleichen und ein Zahlwort in die geschriebene Ziffer übersetzen.
  3. Grundrechenarten verstehen: vom Abzählen zum echten Rechnen kommen und begreifen, was Plus und Minus mit den Mengen machen.
  4. Abrufen automatisieren: einfache Aufgaben schnell aus dem Gedächtnis holen, statt jedes Mal neu zu zählen.

Wenn dein Kind oben auf Stufe vier scheitert, etwa beim schnellen Kopfrechnen, heißt das nicht automatisch, dass dort das Problem liegt. Sehr oft wackelt eine Stufe weiter unten, und genau dorthin gehört die Übung.

So erkennst du, an welcher Ebene es hakt

Du brauchst dafür keinen Test, nur ein paar ruhige Minuten mit deinem Kind und einen Blick dafür, wie es rechnet, nicht nur was am Ende herauskommt. Eltern bemerken die Ebene oft an kleinen Mustern.

Die Mengen-Ebene wackelt, wenn dein Kind auch winzige Mengen, etwa vier oder fünf Dinge, noch einzeln mit dem Finger abzählt und sich beim Schätzen, wo mehr ist, deutlich vertut. Die Zahlenraum-Ebene wackelt, wenn es Zahlen schwer der Größe nach ordnet, 17 und 71 vertauscht oder nicht sagen kann, ob 80 näher bei 70 oder bei 90 liegt. Die Ebene der Grundrechenarten wackelt, wenn jede Aufgabe zählend gelöst wird, sieben plus fünf also über mühsames Weiterzählen läuft, und wenn deinem Kind nicht klar ist, dass Minus die Umkehrung von Plus ist. Und die Abruf-Ebene wackelt, wenn dein Kind den Weg eigentlich kennt, für jede einfache Aufgabe aber spürbar lange braucht.

Notiere dir die unterste Ebene, an der dir etwas auffällt. Dort beginnt die Arbeit, egal in welcher Klasse dein Kind gerade ist.

Was die Forschung über wirksame Übungen sagt

Hier gibt es eine überraschend klare Antwort. Übungen, die direkt mathematische Inhalte trainieren, bringen deutlich mehr als Programme, die etwas anderes trainieren, zum Beispiel allein das Arbeitsgedächtnis. Eine Metaanalyse im Rahmen der ärztlichen S3-Leitlinie zur Rechenstörung zeigt für solche symptomspezifischen Übungen eine erkennbar größere Verbesserung in allen Bereichen der Mathematik (S3-Leitlinie Rechenstörung, AWMF).

Für dich als Eltern bedeutet das eine echte Entlastung: Du brauchst kein teures Gehirnjogging und kein allgemeines Konzentrationsprogramm. Was hilft, ist Rechnen mit dem Rechnen zu üben, an der Stelle, an der es klemmt. Und je früher das passiert, desto besser, denn eine frühzeitige Förderung wirkt sich nach Angaben des Bundesverbands Legasthenie und Dyskalkulie auch auf die späteren schulischen Leistungen positiv aus.

Übungen für zu Hause, nach Ebenen sortiert

Du musst kein Material kaufen. Das meiste liegt bei euch herum. Such dir die unterste Ebene, die noch wackelt, und bleib eine Weile dort, auch wenn es sich erst mal nach wenig anfühlt.

Für die Mengen-Ebene eignen sich Alltagsdinge: Bauklötze, Knöpfe, Steine, Spielzeugautos. Lass dein Kind mit wenig Material kleine Mengen legen und auf einen Blick benennen, ohne zu zählen. Würfelbilder helfen, weil die Anordnung immer gleich ist und sich einprägt. Die Grundbegriffe mehr und weniger lassen sich ganz nebenbei klären, etwa mit verschieden vollen Wassergläsern oder beim Treppensteigen, wie es das Deutsche Schulportal als Beispiele nennt.

Für den Zahlenraum hilft ein selbst gemalter Zahlenstrahl an der Wand. Dein Kind zeigt Zahlen, springt von einer zur nächsten, ordnet zwei Zahlen nach Größe und übersetzt ein gesprochenes Zahlwort in die geschriebene Ziffer. Das klingt simpel, ist aber genau der Schritt, an dem viele Kinder mit Rechenschwäche unsicher bleiben.

Für die Grundrechenarten ist ein einfacher Rechenrahmen gut, weil dein Kind die Perlen wirklich anfassen und so den Schritt vom Zählen zum Rechnen sehen kann. Das Training der Zähl- und Abzählfähigkeiten und der Umgang mit Zahlrelationen gehören laut den Förderinhalten des Bundesverbands genau hierher. Sinnvoll ist, eine Rechenart so lange zu begleiten, bis dein Kind sie ohne Material erklären kann.

Das schnelle Abrufen, also kurze tägliche Einheiten zum Auswendigkönnen einfacher Aufgaben, kommt zuletzt. Es lohnt sich erst, wenn die Stufen darunter stehen. Vorher gilt: kurze Einheiten, regelmäßig, ohne Stoppuhr und ohne Strafcharakter. Fünf konzentrierte Minuten am Tag bringen mehr als eine zähe halbe Stunde am Wochenende.

Womit dein Kind anfangen sollte, und womit nicht

Anfangen solltest du immer an der niedrigsten Ebene, die noch unsicher ist, auch wenn das zunächst wie ein Rückschritt wirkt. Ein Kind in der sechsten Klasse, das Mengen noch abzählt, gewinnt mehr aus zehn Minuten Mengen-Üben als aus einer Stunde Bruchrechnung.

Womit du dir die Mühe sparen kannst:

  • Den aktuellen Schulstoff stur wiederholen, obwohl die Grundlagen darunter fehlen. Das verstärkt nur den Frust.
  • Allgemeine Konzentrations- oder Wahrnehmungsprogramme ohne echten Mathebezug, deren Wirkung bei der Rechenstörung schwächer belegt ist als das direkte Üben am Inhalt.
  • Üben unter Zeitdruck. Tempo ist das Letzte, was aufgebaut wird, nicht das Erste.

Wenn die Schwierigkeiten eher am laufenden Stoff als an den Grundlagen hängen, ist gezielte Unterstützung im Fach das passendere Thema. Worauf du dabei achten solltest, haben wir im Beitrag zur richtigen Mathe-Unterstützung für dein Kind zusammengetragen.

Wann Üben zu Hause reicht, und wann es mehr braucht

Üben zu Hause ist wertvoll. Es ersetzt aber keine Diagnose und keine qualifizierte Förderung, wenn wirklich eine Rechenstörung dahintersteckt. Die ärztliche Leitlinie empfiehlt dann eine Einzelförderung mit Sitzungen von mindestens 45 Minuten, kürzere Einheiten und reine Gruppenangebote bewirken erwiesenermaßen weniger (Deutsches Schulportal). Entscheidend ist außerdem, dass die fördernde Person echte Erfahrung mit der Rechenstörung mitbringt, nicht nur allgemeine Nachhilfe-Routine.

Das Üben zu Hause läuft dann am besten parallel und stützt, was in der Förderung passiert, statt es zu ersetzen. Beides zieht in dieselbe Richtung, wenn ihr an derselben Ebene arbeitet.

Die gute Nachricht: Wird früh erkannt und passend gefördert, können Kinder laut der Leitlinie in etwa zwei Jahren wieder Leistungen im Klassendurchschnitt erreichen. Es lohnt sich also, lieber einmal zu früh genau hinzuschauen als zu spät. Wann der Verdacht auf eine echte Rechenstörung begründet ist und wie du sie von einer normalen Mathe-Durststrecke unterscheidest, erklären wir ausführlich im Beitrag, woran du die Anzeichen erkennst. Eine Diagnose selbst stellen Fachleute, etwa an einer kinder- und jugendpsychiatrischen Stelle. Und warum klassische Nachhilfe bei einer Dyskalkulie oft nicht das Richtige ist, liest du dort, wo wir Nachhilfe und Lerntherapie gegenüberstellen.

Was wir NICHT sind

C&C Nachhilfe ist eine Marke für Lernmaterial und Lernbegleitung, keine medizinische oder lerntherapeutische Praxis. Wir stellen keine Diagnosen und geben keine Therapieempfehlungen. Heiko Schneider ist Nachhilfelehrer, kein Arzt und kein Lerntherapeut. Eine Diagnose der Rechenstörung gehört in die Hände entsprechender Fachleute, etwa einer kinder- und jugendpsychiatrischen Stelle. Die Übungen hier sind als Unterstützung für zu Hause gedacht, nicht als Ersatz für eine fachkundige Abklärung.

Dein nächster Schritt

Schau dir mit deinem Kind in Ruhe die vier Ebenen an und finde die unterste, die noch wackelt. Genau dort fängst du an, in kurzen, freundlichen Einheiten. Hält der Eindruck an, dass die Lücke tiefer sitzt und über Monate bleibt, hol dir eine fachkundige Abklärung dazu.

Wenn es bei deinem Kind eher um ein sicheres Grundverständnis quer durch die Mittelstufe geht und nicht um eine diagnostizierte Rechenstörung, kann ein strukturiertes Übungsbuch eine gute Stütze sein. Unser Lernbuch für die Mathe-Themen der 5. bis 10. Klasse erklärt die wichtigen Themen Schritt für Schritt. Es ist ein Begleiter für den Schulstoff, keine Dyskalkulie-Therapie, und genau so solltest du es einsetzen.

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