Charakterisierung an einem Beispiel erklärt: vom Nacherzählen zur echten Analyse

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Nachhilfelehrer bespricht mit einem Jugendlichen eine Charakterisierung und markiert wichtige Stellen im Text

Nach diesen paar Minuten kannst du zwei Dinge, für die du kein Deutsch-Studium brauchst. Du siehst einer fertigen Charakterisierung an, ob sie wirklich etwas taugt, und du kannst deinem Kind den einen Schritt zeigen, an dem in der Klassenarbeit die meisten Punkte hängen. Genau darum geht es hier, mit einem kurzen Beispiel, das wir Satz für Satz auseinandernehmen, statt dir noch einen fertigen Text zum Abschreiben hinzulegen.

Wenn du nach einem Beispiel für eine Charakterisierung suchst, steht bei euch zu Hause vermutlich bald eine Deutsch-Arbeit an. Die meisten Treffer geben deinem Kind dann einen ganzen Muster-Text über eine fremde Figur. Der Haken daran: In der Arbeit kommt eine andere Figur aus einem anderen Buch dran, und der auswendig gelernte Text nützt nichts mehr. Was bleibt, ist das Muster dahinter. Wie die Charakterisierung in die übrigen Aufsatzformen passt, liest du parallel im großen Eltern-Guide zum Aufsatzschreiben in Deutsch. Hier geht es nur um die Charakterisierung, dafür Schritt für Schritt.

Was eine Charakterisierung von einer Nacherzählung unterscheidet

Der häufigste Grund für eine mittelmäßige Note ist kein Rechtschreibfehler und kein zu kurzer Text. Es ist eine Verwechslung: Dein Kind erzählt, was die Figur tut, statt zu zeigen, wie sie ist. Das eine ist eine Nacherzählung. Das andere ist eine Charakterisierung.

Der Unterschied klingt klein, entscheidet aber über die halbe Punktzahl. Eine Nacherzählung sagt: “Zuerst rennt Ben weg, dann kommt er zurück.“ Eine Charakterisierung sagt: “Ben ist zunächst ängstlich, findet aber Mut, als es darauf ankommt.“ Der erste Satz reiht Handlung aneinander. Der zweite benennt eine Eigenschaft und ordnet die Handlung ein.

Vergleichstabelle: Nacherzählung nennt nur die Handlung, eine Charakterisierung nennt Eigenschaft, Textbeleg und Deutung

Wenn du den Text deines Kindes liest und nach jedem Absatz denkst “und dann, und dann“, ist es noch eine Nacherzählung. Wenn du nach jedem Absatz ein Adjektiv nennen könntest, das die Figur beschreibt, ist es auf dem richtigen Weg. Diese eine Frage trägt weiter als jede Musterlösung.

Der Aufbau: von außen nach innen, in drei Teilen

Eine Charakterisierung folgt demselben Grundgerüst wie fast jeder Aufsatz: Einleitung, Hauptteil, Schluss. Nur der Inhalt ändert sich.

In die Einleitung gehören Titel, Autor, Textsorte und Erscheinungsjahr, dazu der Name der Figur und ihre Rolle in der Geschichte, kurz in die Handlung eingeordnet. Drei bis fünf Sätze reichen. Kein Kind muss hier schon interpretieren.

Der Hauptteil ist das Herzstück. Hier arbeitet sich dein Kind von außen nach innen vor: erst das Äußere und die Lebensumstände der Figur, dann ihr Verhalten und ihre Beziehungen, zuletzt die inneren Merkmale, also Gefühle, Ziele und der Charakter. Diese Reihenfolge ist kein Zwang, aber sie gibt dem Text einen roten Faden, den Lehrkräfte sofort erkennen. Der Landesbildungsserver Baden-Württemberg beschreibt dieses Vorgehen als Weg von den äußeren zu den inneren Merkmalen.

Der Schluss bündelt die Beobachtungen zu einer Einordnung. Was für ein Mensch ist die Figur am Ende, und wie passt sie in die Geschichte? Hier ist eine eigene, vorsichtige Bewertung erlaubt, solange sie zum Text passt.

Ein Detail entscheidet über den ersten Eindruck: Eine Charakterisierung wird durchgehend im Präsens geschrieben, also “Ben ist“, nicht “Ben war“. Das gilt auch dann, wenn die Geschichte in der Vergangenheit erzählt wird. Viele Kinder rutschen genau hier heraus.

Direkte und indirekte Charakterisierung an einem kurzen Beispiel

Es gibt zwei Wege, wie ein Text seine Figuren zeigt, und dein Kind sollte beide erkennen können.

Bei der direkten Charakterisierung benennt der Text die Eigenschaft ausdrücklich. Entweder sagt der Erzähler es (“Ben war ein schüchterner Junge“), oder eine andere Figur sagt es über ihn (“Du traust dich ja nie“). Das steht offen da und ist leicht zu finden.

Bei der indirekten Charakterisierung muss dein Kind die Eigenschaft selbst erschließen, aus dem, was die Figur tut, sagt oder denkt. Wenn Ben dreimal zur Tür geht und dreimal umkehrt, steht nirgends “ängstlich“, aber wir sehen es. Der Landesbildungsserver Baden-Württemberg beschreibt die indirekte Form als das Erschließen von Eigenschaften aus den Handlungen und Äußerungen der Figur.

Die indirekte Form bringt die besseren Noten, weil sie zeigt, dass dein Kind wirklich gelesen und gedeutet hat. Sie ist aber auch die, an der die meisten scheitern, weil sie eine eigene Denkleistung verlangt. Genau hier lohnt sich das Üben am meisten.

Behauptung, Beleg, Deutung: der Dreischritt, der die Note macht

Eine Charakterisierung ist im Kern ein argumentativer Text. Das heißt: Jede Aussage über die Figur muss belegt werden, sonst ist sie nur eine Meinung. Der Rundfunk-Bildungsdienst planet-schule beschreibt diese Struktur als literarisches Argument: eine Behauptung, gestützt durch einen Textbeleg, gefolgt von einer Deutung.

Für dein Kind lässt sich das auf drei Schritte herunterbrechen, die es bei jedem inneren Merkmal durchläuft:

  1. Behauptung: eine Eigenschaft benennen (“Ben ist hilfsbereit“).
  2. Beleg: eine passende Stelle aus dem Text zeigen, mit Seiten- und Zeilenangabe.
  3. Deutung: erklären, was diese Stelle über die Figur aussagt.

Der dritte Schritt ist der, den fast alle überspringen. Viele Kinder behaupten etwas und hängen ein Zitat dran, erklären aber nicht, was das Zitat eigentlich zeigt. Das ist so, als würde man einen Beweis vorlegen und dann schweigen. Die Deutung ist der Punkt, an dem aus einer Sammlung von Zitaten eine echte Charakterisierung wird.

Ein Beispiel-Absatz, Satz für Satz auseinandergenommen

Sehen wir uns einen kurzen Hauptteil-Absatz an. Die Figur Ben stammt aus einer erfundenen Beispielgeschichte, damit du das Muster siehst, ohne ein bestimmtes Buch kennen zu müssen.

“Ben wirkt zu Beginn zurückhaltend. Als die anderen ihn auffordern, über den Bach zu springen, tritt er zwei Schritte zurück und schaut zu Boden (S. 12, Z. 4). Sein Rückzug zeigt, dass er Angst hat, sich vor der Gruppe zu blamieren. Im Verlauf ändert sich das: Als der kleine Hund am Ufer feststeckt, springt er ohne Zögern (S. 15, Z. 9). Hier wird deutlich, dass seine Hilfsbereitschaft am Ende stärker ist als seine Angst.“

Nimm den Absatz auseinander, und du siehst den Dreischritt zweimal. “Ben wirkt zurückhaltend“ ist die Behauptung. Die zwei Schritte zurück sind der Beleg. “Er hat Angst, sich zu blamieren“ ist die Deutung. Dann kommt der Wechsel, wieder mit Beleg (der Sprung zum Hund) und Deutung (Hilfsbereitschaft schlägt Angst). Kein Satz erzählt nur nach. Jeder trägt etwas zur Figur bei.

Genau dieses Prinzip, ein Beispiel zu zeigen und dann die Regel sichtbar zu machen, findest du auch in unserem Artikel zur Inhaltsangabe mit einem durchgerechneten Beispiel. Die Textsorte ist eine andere, die Denkweise dahinter ist verwandt.

Der 30-Sekunden-Test: so prüfst du den Text deines Kindes

Du musst weder das Buch gelesen haben noch alte Deutsch-Regeln parat haben, um den Aufsatz deines Kindes einzuschätzen. Drei Fragen genügen, und du brauchst dafür nur den Text deines Kindes vor dir.

Erstens: Steht der Text im Präsens? Überflieg die Verben. Tauchen “war“, “ging“, “sagte“ auf, ist die Zeitform falsch, und das kostet oft schon Punkte.

Zweitens: Gibt es zu den Eigenschaften Textbelege? Such nach Seitenangaben in Klammern oder nach Zitaten. Steht im ganzen Hauptteil kein einziger Beleg, ist es eine Meinung, keine Analyse.

Drittens: Wird nach den Zitaten gedeutet? Lies den Satz nach jedem Zitat. Erklärt er, was das Zitat über die Figur sagt? Oder geht es sofort mit der Handlung weiter? Fehlt die Deutung, bleibt der Text an der Oberfläche.

Wenn dein Kind bei allen drei Fragen ein Ja schafft, steht die Charakterisierung auf einem soliden Fundament. Bleibt eine Frage offen, weißt du jetzt genau, wo ihr ansetzt, ohne selbst den ganzen Aufsatz umschreiben zu müssen.

Dass das Schreiben ein Handwerk mit lernbaren Schritten ist und keine Frage von Begabung, gilt hier genauso wie bei jeder anderen Textsorte. Warum das so ist, haben wir in unserem Beitrag dazu ausgeführt, dass gutes Schreiben kein Talent ist.

Wo Kinder trotzdem hängen bleiben

Manchmal sitzt das Problem nicht beim Schreiben, sondern eine Stufe davor: Dein Kind versteht die Figur gar nicht richtig, weil ihm beim Lesen die Zwischentöne entgehen. Dann helfen keine Aufbau-Tipps, sondern gemeinsames, ruhiges Nachfragen am Text. Aus unserer Nachhilfe-Praxis hören wir oft, dass Kinder die indirekten Signale einer Figur übersehen, weil niemand ihnen gezeigt hat, worauf man beim Lesen achtet.

Genau das lässt sich üben, am besten an kleinen Textstellen statt an ganzen Büchern. Wie eine ruhige, regelmäßige Begleitung dabei aussieht, kannst du in unserem Überblick zur Nachhilfe für Familien nachlesen. Wenn Präsenz vor Ort schwierig ist, lohnt sich auch ein Blick darauf, wie Nachhilfe online funktioniert. Geschrieben ist dieser Artikel aus Eltern-Sicht und mit der Praxis-Erfahrung von Heiko Schneider, einem unserer Nachhilfelehrer.

Die Fähigkeit, eine Figur zu analysieren, ist übrigens kein Extra-Wunsch einzelner Lehrkräfte. Das Deuten literarischer Texte gehört zu den bundesweit verbindlichen Bildungsstandards der Kultusministerkonferenz für den Mittleren Schulabschluss. Es zahlt sich also über die einzelne Arbeit hinaus aus.

Jugendlicher übt konzentriert das Schreiben einer Charakterisierung

Was du jetzt tun kannst

Nimm dir die nächste Charakterisierung deines Kindes vor und geh die drei Testfragen durch: Präsens, Belege, Deutung. Das dauert kaum länger als das Lesen selbst und zeigt euch sofort die eine Baustelle, die den größten Unterschied macht.

Für die nächste Arbeit hilft ein einfacher Übungsweg. Sucht euch eine kurze Textstelle, und dein Kind schreibt zu einer einzigen Eigenschaft den Dreischritt: Behauptung, Beleg, Deutung. Ein sauberer Absatz nach diesem Muster bringt mehr als eine ganze abgeschriebene Musterlösung. Wenn dein Kind diesen einen Absatz sicher hinbekommt, kann es den Rest der Charakterisierung Stück für Stück selbst daraus bauen. Wie sich dieser Einstieg für andere Aufsatzarten anfühlt, siehst du am Beispiel der ersten Sätze einer Erörterung.

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