Dyskalkulie-Übungen per App: wann sie helfen und wann dein Kind mehr braucht

8 Min. Lesezeit
Kind übt Mathe mit einer Lern-App auf dem Tablet, ein Elternteil sitzt unterstützend daneben

Kann eine App die Rechenschwäche deines Kindes wegtrainieren? Das ist die Frage hinter fast jeder Suche nach Dyskalkulie-Übungen fürs Tablet. Die ehrliche Antwort hat zwei Teile. Eine gute App kann deinem Kind beim Üben tatsächlich helfen. Eine Diagnose stellen oder eine gezielte Förderung ersetzen kann sie nicht.

Das klingt erst mal ernüchternd, ist aber eine Entlastung. Denn es nimmt dir den Druck, die eine perfekte App finden zu müssen, die alles löst. Wenn du verstehst, was eine App leisten kann und wo ihre Grenze liegt, triffst du eine ruhigere Entscheidung. Wo eine Rechenschwäche überhaupt herkommt und wie du sie einordnest, liest du im großen Eltern-Guide zu Rechenschwäche und Dyskalkulie. Hier geht es um genau einen Baustein daraus: das Üben per App.

Geschrieben ist dieser Artikel aus Eltern-Sicht und mit der Praxis-Erfahrung von Heiko Schneider, einem unserer Nachhilfelehrer. Eines vorweg, weil es wichtig ist: Wir sind Mathe-Nachhilfe, keine Therapiepraxis. Was du hier bekommst, ist eine nüchterne Einordnung, kein medizinischer Rat.

Kann eine App eine Rechenschwäche wegtrainieren?

Eine App ist gut im Wiederholen. Sie lässt dein Kind dieselbe Sache oft üben, gibt sofort Rückmeldung und macht das Ganze für viele Kinder angenehmer als ein Arbeitsblatt. Eine gute Lern-App passt die Schwierigkeit an den Stand deines Kindes an, statt stur dasselbe abzufragen. Das ist genau der Teil, den Technik wirklich gut kann.

Was eine App nicht kann: erkennen, ob hinter den Schwierigkeiten deines Kindes wirklich eine Rechenstörung steckt oder nur eine Lücke, die jedes Kind mal hat. Sie sieht nicht, an welcher Stelle das Verständnis von Menge und Zahl fehlt. Und sie führt nicht das Gespräch, in dem ein Kind erzählt, wie es eine Aufgabe denkt. Genau dieses Mitdenken ist bei einer Rechenschwäche aber der Kern. Eine App übt die Oberfläche, das Verständnis darunter muss woanders wachsen.

Deshalb ist die ehrliche Erwartung an eine App: Sie ist ein hilfreiches Werkzeug für das tägliche Üben. Sie ist kein Ersatz für die Klärung, was deinem Kind eigentlich fehlt.

Was die Forschung zu Mathe-Apps sagt

Es gibt belastbare Hinweise, dass gute Programme etwas bringen, aber sie sind kein Selbstläufer. Ein vielzitiertes Beispiel ist die Lernsoftware Calcularis. In einer Studie übten 68 Kinder im Alter von 7 bis 11 Jahren über sechs bis acht Wochen, an fünf Tagen pro Woche je 20 Minuten. Danach zeigten sich deutliche Fortschritte in der Subtraktion und in der Zahlenraumvorstellung von 0 bis 10. Für die Addition und den größeren Zahlenraum bis 100 gab es dagegen keine nennenswerten Unterschiede, wie die Hochschule für Heilpädagogik die Ergebnisse zusammenfasst.

Zwei Dinge sind an diesem Befund wichtig für dich. Erstens: Die Wirkung war echt, aber auf bestimmte Bereiche begrenzt. Eine App trainiert das, was sie trainiert, und nicht automatisch alles drumherum. Zweitens: Fünf Monate nach dem Training waren die Gewinne in den meisten Bereichen stabil, doch die Vergleichsgruppe ohne App holte beim Kopfrechnen auf. Eine App verschafft also eher einen Vorsprung beim Start als einen dauerhaften Sondereffekt.

Die Auswertung dieser Studie stellt selbst klar, dass das Programm keine Lehrperson ersetzt, sondern am besten zusammen mit pädagogischer Begleitung wirkt. Genau so solltest du eine App auch einplanen: als Verstärker einer guten Begleitung, nicht als Ersatz dafür.

Es hilft außerdem, gute von beliebigen Programmen zu trennen. Der Bundesverband Legasthenie und Dyskalkulie führt in seiner Übersicht einige Lernprogramme namentlich auf, darunter Calcularis, die Rechenspiele mit Elfe und Mathis, Meister Cody Talasia und das Zahlenrennen. Entscheidend ist nicht der Name, sondern der Grund für die Auswahl: Diese Programme wurden aufgenommen, weil ihre Ansätze auf der medizinischen Leitlinie aufbauen und weil sie wissenschaftlich überprüft wurden. Das ist der Maßstab, an dem du jede App messen kannst, auch eine, die in keiner solchen Liste steht.

Woran du eine lernwirksame App erkennst

Die meisten Suchtreffer geben dir eine Liste mit App-Namen. Das hilft wenig, weil die Auswahl ständig wechselt. Nützlicher ist ein Raster, mit dem du jede App selbst einordnen kannst. Vier Fragen reichen dafür.

Passt sie sich an? Eine brauchbare App merkt, was dein Kind schon kann, und stellt die nächste Aufgabe entsprechend. Bleibt die Schwierigkeit immer gleich, ist es eher ein Abfrage-Automat.

Baut sie Verständnis auf, oder nur Tempo? Achte darauf, ob das Kind mit Mengen, Zahlenstrahl und Darstellungen arbeitet, oder ob es nur möglichst schnell Ergebnisse antippt. Schnelligkeit allein ist bei einer Rechenschwäche kein gutes Ziel.

Erklärt sie Fehler, statt nur falsch zu sagen? Eine gute App zeigt, warum eine Antwort nicht stimmt, und gibt einen Weg zur richtigen. Ein rotes Kreuz ohne Erklärung bringt dein Kind nicht weiter.

Bleibt der Lernweg im Vordergrund, nicht die Belohnung? Punkte und Sterne motivieren, das ist in Ordnung. Wenn dein Kind aber nur noch für die Belohnung tippt und die Mathe nebensächlich wird, arbeitet die App gegen ihr eigenes Ziel.

Vergleich: lernwirksame Mathe-App gegenüber reiner Beschäftigungs-App anhand mehrerer Merkmale

Ein guter Anhaltspunkt ist außerdem, ob ein Programm wissenschaftlich überprüft wurde. Der Bundesverband Legasthenie und Dyskalkulie nennt in seiner Übersicht gezielt Programme, deren Ansätze auf den Erkenntnissen der medizinischen Leitlinie beruhen und die wissenschaftlich evaluiert wurden, in seiner Liste zur Lernsoftware. Wenn ein Anbieter solche Belege gar nicht anführt, ist das kein gutes Zeichen.

Die Grenze, die keine App auflöst

Hier kommt der Teil, den viele App-Seiten auslassen. Eine Rechenstörung ist kein Mangel an Übungsmaterial. Rund 3 bis 6 Prozent aller Kinder und Jugendlichen sind betroffen, so der Bundesverband Legasthenie und Dyskalkulie. Ob bei deinem Kind wirklich eine Dyskalkulie vorliegt, klärt keine App, sondern eine fachkundige Diagnostik. Wer das feststellen darf und wie du eine geeignete Stelle findest, haben wir an anderer Stelle beschrieben: dort liest du, wer eine Rechenstörung überhaupt diagnostizieren darf.

Auch bei der Förderung selbst zieht die Fachwelt eine klare Linie. Seit 2018 gibt es eine S3-Leitlinie zur Diagnostik und Behandlung der Rechenstörung, abgestimmt von rund 20 wissenschaftlichen Fachgesellschaften und Berufsverbänden, wie das Deutsche Schulportal berichtet. Diese Leitlinie empfiehlt eine Rechentherapie in Einzelsitzungen von mindestens 45 Minuten. Kürzere Einheiten und Gruppen bewirken laut Leitlinie erwiesenermaßen weniger. Und sie soll von Personen geleitet werden, die Erfahrung mit den evidenzbasierten Förderansätzen haben.

Im Zentrum einer guten Förderung steht etwas, das eine App nur teilweise leisten kann: dass ein Kind ein echtes Verständnis für Menge und Zahl aufbaut, oft über praktisches Ausprobieren mit Material, das es anfassen und bewegen kann. Gute Förderung gibt deinem Kind auch nicht starr einen einzigen Rechenweg vor, sondern schaut, welcher Weg für dieses Kind nachvollziehbar ist. Diese Beweglichkeit braucht einen Menschen, der zuhört und mitdenkt.

Eine App von zehn Minuten zwischendurch ist all das nicht. Das ist keine Kritik an Apps, sondern eine Frage der richtigen Erwartung. Der Bundesverband formuliert es deutlich: Die Nutzung von Lernsoftware kann eine professionelle Therapie keinesfalls ersetzen, sie kann sie nur ergänzen. Wenn du den Verdacht auf eine Rechenstörung hast, ist der erste Schritt deshalb nicht der App-Store, sondern die Abklärung.

So baust du die App sinnvoll in den Alltag ein

Wenn die Erwartung stimmt, ist eine App ein guter Helfer. Ein paar Punkte machen den Unterschied zwischen echtem Üben und reiner Bildschirmzeit.

Halte die Einheiten kurz und regelmäßig. Lieber jeden Tag zehn bis fünfzehn Minuten als einmal pro Woche eine lange Sitzung. Rechnen festigt sich durch häufige Wiederholung, nicht durch Marathon-Einheiten.

Bleib am Anfang dabei. Setz dich die ersten Male daneben und lass dir zeigen, was dein Kind tut. So merkst du, ob die App wirklich am Verständnis arbeitet oder nur beschäftigt. Und dein Kind erlebt, dass dir das wichtig ist.

Kombiniere Bildschirm und Papier. Manche Dinge sitzen besser, wenn dein Kind sie auch aufschreibt oder mit Material legt. Wie kostenlose Übungsblätter dabei helfen und worauf du achten solltest, haben wir gesondert beschrieben, samt der Frage, was das Ausdrucken von Übungen wirklich bringt.

Nutze die App nicht als Babysitter. Eine App allein im Kinderzimmer löst keine Rechenschwäche. Sie wirkt dort am besten, wo ein Mensch das Üben begleitet. Was bei der Förderung zu Hause sonst noch zählt und was dabei tatsächlich bei dir liegt, liest du im passenden Beitrag dazu.

Achte auf einen verbreiteten Reflex bei dir selbst. Wenn die App nach ein paar Wochen nicht den erhofften Sprung bringt, ist die naheliegende Reaktion, einfach die Übungszeit zu erhöhen. Bei einer Rechenschwäche ist mehr vom Gleichen aber oft genau der falsche Hebel. Wenn dein Kind trotz regelmäßigem Üben kaum vorankommt oder zunehmend frustriert ist, ist das kein Signal für noch mehr App-Zeit, sondern eines, genauer hinzusehen, woran es hakt. Genau dann lohnt der Schritt zur fachkundigen Abklärung, statt weiter im Falschen zu üben.

Eine App ist am Ende nur eines von mehreren Werkzeugen. Wie wirksames Üben grundsätzlich aussieht, also welche Methoden den Aufwand wert sind, zeigen wir im Leitfaden zu Lernmethoden für Kinder. Welche begleitete Unterstützung es bei uns gibt, findest du im Überblick zu den Nachhilfeangeboten.

Was wir NICHT sind

C&C Nachhilfe ist Mathe-Nachhilfe und Lernmaterial, keine medizinische oder lerntherapeutische Praxis. Heiko Schneider ist Nachhilfelehrer, kein Arzt und kein Therapeut. Dieser Artikel ersetzt keine Diagnostik und keine Therapie. Wenn du den Verdacht auf eine Dyskalkulie hast, wende dich an eine fachkundige Stelle, etwa eine kinder- und jugendpsychiatrische Praxis oder eine anerkannte Lerntherapie. Eine App ist eine mögliche Ergänzung zum Üben, nie der Ersatz für diesen Weg.

Was du jetzt tun kannst

Halte es einfach. Such nicht nach der einen perfekten App, sondern prüfe eine Auswahl mit den vier Fragen von oben: Passt sie sich an, baut sie Verständnis auf, erklärt sie Fehler, bleibt das Lernen vor der Belohnung. Plane kurze, tägliche Einheiten und begleite dein Kind am Anfang. Und wenn die Schwierigkeiten dauerhaft und auffällig sind, mach den eigentlich ersten Schritt: lass abklären, ob eine Rechenstörung dahintersteckt. Eine App kann danach ein guter Teil des Plans sein, aber sie ist nie der ganze Plan.

Kind und Elternteil schauen gemeinsam zuversichtlich auf den Lernfortschritt

Wenn dein Kind über das Üben hinaus Begleitung braucht, schau dir in Ruhe an, welche Form von Unterstützung zu euch passt. Den Überblick dazu findest du bei unseren Nachhilfeangeboten für Familien.

Buchempfehlung

Wenn Zahlen Kopf stehen - Wege aus der Dyskalkulie

Der Eltern-Ratgeber unserer Nachhilfelehrer: Dyskalkulie verstehen und dein Kind Schritt für Schritt unterstützen.

  • Von Nachhilfelehrern für Eltern geschrieben
  • Wege aus der Dyskalkulie, Schritt für Schritt
€24,99Statt €44,99 Zum Ratgeber